Das World Tune Projekt

World Tune ist eine transnational angelegte Klangmaschine, die Klänge von Ereignissen und Aktionen in aller Welt zu jedem beliebigen Zeitpunkt generiert. Es handelt sich um eine lebendige, sich permanent transformierende Maschinenskulptur, die unseren Erdball umspannt. Mit ihr organisch verbundene Hornlautsprecher entstehen und verschwinden in verschiedenen Regionen des Planeten. Menschliche Sensoren erspüren lokale Klangereignisse, zeichnen diese mit Hilfe von Mikrofon und portablem Audiorekorder auf und übertragen sie schließlich an das digitale Netzwerk des World Tune Klangsystems. Andere Erdbewohner, egal in welcher Region der Erde sie sich aufhalten, senden die im System gespeicherten Klänge an die Lautsprecherskulpturen. Wieder andere Hören diese Klänge und entscheiden sich möglicherweise, den aktuellen Klang umgehend zu ändern ...

 

World Tune will den Wandel von Stimmungen und Ereignissen auf unserem Planeten akustisch nachzeichnen und damit dem Rezipienten ein Feedback geben über den jeweils aktuellen Zustand unserer Welt. World Tune als globales, interaktives Klangsystem steht in einem widersprüchlichen Spannungsfeld, das gekennzeichnet ist, zum einen durch die Faszination komplexer Welterklärungsmodelle wie z.B. Keplers "Harmonice Mundi", Luhmanns "Soziale Systeme" oder Hawkings "Vereinheitlichte Theorie", zum anderen aber auch durch die Einsicht, das solche globalen Modelle eben nur Modelle sind und keinesfalls letztgültiges Wissen über unsere Welt. Diese Widersprüchlichkeit wird im World Tune Projekt spürbar durch die ungeklärte Rolle des Rezipienten. Ist der Rezipient Teil der Maschine? Ist die Maschine Teil eines von Menschen manipulierten Klang- und Gedankensystems? Ist der aktuelle Klang zufällig bestimmt? Hängt er vom Menschen ab, von der Maschine, von der Natur? .. Von einer Verflechtung all dieser Komponenten? Ist das Resultat solcher Verflechtungen Zufall? Vorsehung? Komposition? World Tune produziert mit klanglichen Mitteln eine Choreographie des Zufalls, die den passiven Rezipienten in das Erlebnis von Trance lockt durch die Wiedergabe des einzelnen Klanges als Endlosschleife. Gleichzeitig macht sie den aktiven Rezipienten zum Produzenten, der hörend seine Umwelt erkundet und einzelne Klangerlebnisse anderen Erdbewohnern verfügbar macht.

 

Die Realisierung eines solchen globalen Klangsystems erfordert ein Medium, das Klänge aus allen erdenklichen Regionen der Erde senden und empfangen kann. Ein für diesen Zweck zwar nicht optimales (mangelnde Bandbreite) aber immerhin permanent und kostengünstig einsatzfähiges Medium ist das Internet. Dieses bildet das zentrale Nervensystem der Klangskulptur. Eine virtuelle Schnittstelle im World Wide Web stellt sicher, das jeder Mensch Zugang zum System hat.

 

Den vernetzten Computer als Transportmedium in dieses System zu integrieren ist auch unter philosophischem Aspekt äußerst nützlich, denn der Computer ist der Materie gewordene Beweis für die Tatsache, daß das System der Mathematik prinzipiell nicht widerspruchsfrei sein kann. Die gedankliche Konstruktion einer "universellen Maschine" durch Alan Turing manifestiert seit 1936 den endgültigen Tod der "widerspruchsfreien" Mathematik und gleichsam die Geburt des Computers (Spezialfall der Turing-Maschine). Mit der Existenz der Turing-Maschine wird beweisbar, daß es in der Mathematik Zahlen gibt, die prinzipiell nicht berechenbar sind. So wird an der Erfindung des Computers deutlich, daß in sich geschlossene Systeme nicht wirklich geschlossen sein können und daß diese die Welt nicht genauer beschreiben als zum Beispiel das "Sacre du Printemps" von Igor Strawinsky. "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen." faßt Wittgenstein seine Erkenntnisse über die Grenzen der Logik zusammen. In diesem Sinne ist der Klang des World Tunes als hörbare Form des Schweigens zu verstehen. World Tune ist also ein akustisches Barometer, das lokale Ereignisse in transnationalen Klang transformiert, aber auch ein Musikinstrument, das gleichzeitig komponiert wird, selbst komponiert und als simpler musikalischer Klangerzeuger fungiert. World Tune macht die Welt spürbar in einem endlichen System, das klangliche Unendlichkeit produziert.

 

 

Technisches Konzept

 

  1. Bestandteile
    Die im freien installierte Lautsprecher-Skulptur besteht aus einem 30 cm Einweglautsprecher, der in ein Horngehäuse montiert wird (Hoher Wirkungsgrad, gute Wetterbeständigkeit). Ein Lautsprecherkabel führt von dort zum Verstärker, der in einem nahestehendem Gebäude untergebracht ist. Der Verstärker ist via Audio-Kabel mit dem Audio-Ausgang der Soundkarte des Computers verbunden (PC/Windows 95). Der Computer hat eine Kabelverbindung zu einem Modem, das wiederum an die Telefon-Steckdose angeschlossen ist. Der Computer ist so konfiguriert, das jederzeit ein Zugang zum World Wide Web möglich ist (lokaler Provider). Eine Automationssoftware (InstantON) startet in einem jeweils lokal festzulegenden Rhythmus die Internetverbindung und den Web-Browser Netscape (Version 3 oder besser/Java enabled). Dieser ist so konfiguriert, daß er automatisch den aktuellen Klang des World Tune Systems abruft und als Endlosschleife abspielt, solange bis die Automations-Software den nächsten Klangabruf via Internet initiiert. Derzeit sind derartige Systeme installiert in Saarijärvi (Finnland), Lissabon (Portugal), Hoher Kasten (Schweiz/Appenzell), Tellow (Deutschland).


  2. Virtuelle Schnittstelle
    Die virtuelle Schnittstelle des World Tune Klangsystems ist eine mit interaktiven Komponenten ausgestatte Homepage im World Wide Web, die unter der folgenden URL zu erreichen ist:
    http://www.worldtune.com/
    Diese Schnittstelle übernimmt mehere Funktionen innerhalb des Systems. Zum einen hält sie den jeweils aktuellen Klang bereit, der von den lokalen Lautsprecherskulpturen abgerufen wird. Zum anderen stellt sie beliebigen Rezipienten alle bisher aufgezeichneten Klänge zur Verfügung und gibt ihnen die Möglichkeit, diese an die Lautsprecherskulpturen zu "senden" (das bedeutet, sie für diese abrufbar und für andere Websurfer hörbar zu machen). Und drittens schließlich bietet sie die Möglichkeit einen selbst aufgezeichneten Klang in die World Tune Klangbibliothek hochzuladen, der dann von jedermann zum "Senden" benutzt werden kann.


  3. Senden
    Gesendet wird ein Klang, indem der Rezipient und Computeranwender von der World Tune Homepage auf die "Engine"-Seite geht, dort den "broadcast now"-Schalter anklickt, und dann die fünf vorgegebenen Instruktionen ausführt: Auswahl der Soundbibliothek, Angabe des Soundfiles, Angabe des Namen, Angabe des Landes von dem aus der Klang übertragen wird und schließlich Klicken des "broadcast"-Schalters. Nach Abschluß dieser Prozedur ist der gewählte Klang für die die lokalen Lautsprecherskulpturen abrufbar und für jeden Besucher der World Tune Homepage unmittelbar hörbar (sofern dessen Computer eine Soundkarte besitzt). Soll ein Klang gesendet werden, der lokal selbst aufgezeichnet wurde, dann muß dieser zunächst via Upload-Funktion der World Tune Engine hochgeladen werden.


  4. Hochladen
    Ein Klang wird hochgeladen, indem der Rezipient, Produzent oder User seinen maximal 6-Sekunden langen als au-file digitalisierten Klang zunächst auf der Festplatte des benutzten Rechners ablegt, sich via Netscape ins World Wide Web einloggt, auf die Engine-Seite der World Tune Homepage springt und dort den Schalter "Upload" betätigt. Hier folgt man den angegebenen Instruktionen (password: c.B3wWr), die sicherstellen, daß der Sound mit kurzen erläuternden Bemerkungen in die World Tune Sound Library geschrieben wird.


  5. Hören
    Zum Anhören begibt man sich in die unmittelbare Nähe einer der Lautsprecherskulpturen (derzeit Saarijärvi, Lissabon, Tellow, Hoher Kasten) oder wählt im World Wide Web die World Tune URL. Hier gibt es auch detaillierte Informationen zu den jeweils aktuellen Standorten der Lautsprecherskulpturen.
    Die World Tune Klangmaschine ist eine sich in eigener Dynamik entwickelnde Klangskulptur, die gerade erst beginnt als solche zu existieren. Derzeit (Anfang 1998) gibt es etwa 100 Klänge aus folgenden Regionen: Saarijärvi (Finnland), Lissabon (Portugal), Teterow (Deutschland), Massachusetts (USA), Berlin (Deutschland), Moers (Deutschland), Missouri (USA) und Severn Valley (Groß Britannien).

 

 

Das World Tune Team

Henry Brugsch (Great Britain)

Jens Gippner (Germany)

Harto Hållman (Finland)

Sari Kempainen (Finland)

Debbie Lincoln (USA)

Luis Loureiro (Portugal)

Wolfgang Neuhaus (Germany)

Kaija van Oik (Finland)

Jeffrey Price (USA)

Uwe Seth (Germany)

Ana Simões (Portugal)

Thomas Tack (Germany)

Charles Wesseler (Germany)

Kathy Kennedy (USA)

 

Online - Koordination: Jeffrey Price

Transnationales Sound-Design: Harto Hållman, Charles Wesseler

CGI-und HTML-Programmierung: Jens Gippner

Lautsprecher-Technik: Thomas Tack

Idee, Konzept, Realisation: Wolfgang Neuhaus

 

 

Finanzierung: European Social Fond, Youthstart/Eurotrain,

Gesellschaft für Informationstechnologie und Pädagogik, IMBSE



Quelle:
www.worldtune.com, Februar 1998, Wolfgang Neuhaus